Ötztaler 2016

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Ötztaler 2016

Beitragvon centurio-tle am Di 30. Aug 2016, 16:08

Dann will ich auch mal meine persönliche Erfolgs- und Leidensgeschichte meines 1. (und letzten) Ötztalers präsentieren:

Fahrzeit 8:34.08,1
Durchschnitt 27,774 km/h
Rang Gesamt 397.
Rang Kategorie 198.

Den Ötztaler zu fahren ist für den heutigen ambitionierten Radsportler ja fast schon ein Muss. Also habe ich mich mal angemeldet, zwar ohne Losglück aber Glück im Kuntabunt-Team und so stand der Teilnahme nichts im Wege. Als Vorbereitung dienten folgenden Umstände:

- ca. 7.000km Straßen-km + Rolleneinheiten im Winter/Frühjahr
- Friedensfahrt-Tour mit 530 km und 9.500 hm
- Alpentour in Frankreich mit ca. 850 km und 18.500 hm
- diverse Marathon´s als RTF
- Gewichtsabnahme von ca. 8kg

Einen Trainer oder einen Trainingsplan hatte ich nicht auch keinen Begleitservice und schon gar kein Zeit-Ziel, welches ich ernsthaft anvisieren soll. Also die einschlägigen Foren/Site´s im Netz durchwühlt und von cl (Carsten) ein Pacing-Sheet erstellen lassen (Danke nochmal). Und siehe da: nach meinem Leistungsstand wäre eine Zeit von 8:30 realistisch. Wie kommt man drauf? Nun, mittels Leistungs- (ich fahre ja nun schon seit einiger Zeit mit PM) und Gewichtsdaten, mit vielerlei Rechenkram und wissenschaftlichen Formeln wird die Strecke des Ötztaler´s in Abschnitte filetiert und Einzelzeiten ermittelt, die zusammen die obige Gesamtzeit ergeben. OK, danach habe ich mein eigenes pers. Ziel von u9h festgemacht. Offiziell habe ich natürlich (wie der überwiegende Teil der Ötzi-Teilnehmer) auf Understatement gemacht. Hauptsache heil durchkommen, Spaß haben und die ü7h proklamieren.

Zum Ötztaler selbst will ich gar nicht groß schreiben, hier nur ein interessante Zahlen-Übersicht und ein Zitat zum Ötztaler: „… 5.500 Höhenmeter auf eine Strecke von knapp 240 km. Über 20.000 Bewerbungen für 4.500 Startplätze. Erste Ausgabe bereits im Jahre 1982 – der Ötztaler Radmarathon ist nicht ohne Grund die inoffizielle Weltmeisterschaft der Jedermannfahrer: Nur wer diszipliniert über die Saison trainiert, wird dieses Rennen in einer passablen Zeit, oder überhaupt finishen. Wie viel Schmackes in den Beinen und Leidenschaft im Herz braucht es also, um den Ötztaler erfolgreich abzuschließen? Welche Power ist erforderlich, um ihn gar zu gewinnen? Wie setzt sich das Fahrerfeld zusammen? Alle Zahlen, Daten und Fakten zum Ötztaler auf einen Blick:

Bild.

Der Renntag startete beim mir um 5:00 Uhr mit einem lieblichen Weckerklingeln. Zu diesem Zeitpunkt standen die ersten bereits an der Startlinie! Nach einem Käsebrot und einem Kaffee ging es von meiner ca. 5km entfernten Bleibe zum Start (bergab bei ca. 10°C). Im Dunkeln ohne Licht ist auch was Besonderes. Ich stand ca. 6:00 Uhr am Start. Ich hatte nur Ärmlinge und eine Windweste dabei (Regen war erst abends angesagt). Zwei volle Flaschen ISO, 4 Haferriegel, 2 Früchteriegel sollten meine Ernährung sicherstellen. Auch zwei Beutelchen mit vorgefertigtem ISO-Pulver war dabei (hatte ich aber nicht genutzt, welches jedoch ein Fehler war, aber dazu später mehr). Auf meinem Vorbau habe ich einen kleinen Fahrplan gebastelt (Dank an Andre mit den Durchfahrzeiten für 9h):
vorbau.jpg
vorbau.jpg (26.12 KiB) 1909-mal betrachtet

Pünktlich 6:45 Uhr gab es einen lauten Knall und es ging …..noch nicht los. Nach einer gefühlten Ewigkeit und nach ca. 1000 Startern konnte ich einklicken und endlich los pedalieren. Die Abfahrt nach Ötz war recht kühl und ich war froh doch die Weste mitgenommen zu haben. Zügig erreichten wir den 1.Anstieg (Kühtai) und der Spaß begann. Zum Erstaunen und wider Erwarten konnte ich bis auf die ersten Minuten (Stau am Einstieg) mein Tempo durchziehen. War es Glück oder sehr vorausschauende Fahrweise? Keine Ahnung aber ich erreichte den Gipfel 8:35 Uhr und damit 20min vor dem Zeitplan. Alles gut und weiter ging es in die Abfahrt. Den Gipfel-VP lies ich aus. Es bestand keine Notwendigkeit, einen Frucht- und Haferriegel hatte ich bereits verschlungen und Flüssigkeit hatte ich noch ausreichend.

In der Abfahrt (Vmax: 105km/h :ohnmacht: ) fuhr ich auf eine größere flotte Gruppe auf, die mir zum Brenner wertvolle Dienste leistete. So konnte ich passiv mitrollend noch ein paar Schwätzchen mit meinem Mitradlern halten. Fast entspannt erreichte ich den Brenner, wo eine vorbereitete Flasche auf mich wartete (vielen Dank hierfür an das Kuntabunt-Team!). Es war mein Einziger nicht offizieller VP. Im Gegensatz zu sehr vielen Anderen, die tlw. bis zu 3-4 zusätzliche Stopps/Flaschenreichungen von privaten Helfern und Gehilfen organisiert hatten. Also die Flasche auf EX reingeschüttet und weiter ging es. Erstaunt hatte ich nur noch vernommen, dass ich der erste unserer Truppe sei.

Die Abfahrt vom Brenner fuhr ich aktiv und bis zum 3. Anstieg (Jaufenpass) war wieder eine größere Gruppe erreicht. Diesen Anstieg konnte ich gleichmäßig aber schon mit schwereren Beinen bewältigen. Beim Treten und Ziehen (fahre auch gern im Stehen die Berge hoch) ist mir zum ersten Mal die wunderschöne Umgebung aufgefallen und ich war einfach nur glücklich. Die Außentemperaturen erreichten jetzt bereits ca. 25°C. Für mich ein Zeichen, dass ich nicht nur an Trinken sondern auch an Kühlung denken muss (pers. Erfahrungen vom Krusnoton 2015 und Frankreich). Also an einer Kraftquelle (natürliches Quell-/Schmelzwasser) die Flaschen! gefüllt und in den Anstieg, der entgegen meiner Befürchtung recht flüssig und ohne Probleme absolviert werden konnte. Eine Flasche wurde zur Kühlung von Kopf und Nacken verbraucht, die andere wurde getrunken (=1.Fehler). Den Gipfel-VP lies ich diesmal nicht aus und so tankte ich reichlich Cola und lies mir die Flaschen mit Wasser füllen. Den Jaufenpass erreichte ich um 12:09 Uhr, das waren genau 71 Minuten unter den 9h-Zeitplan. Ungläubig hatte ich dies zur Kenntnis genommen aber dabei nichts bei mir gedacht (die Zahlen müssen ja nicht stimmen). Kurz vor der Abfahrt musste ich noch kurz ein natürliches Bedürfnis befriedigen. Dabei beging ich meinen 2. und entscheidenden Fehler: ich vergaß, die Flaschen mit ISO-Pulver zu füllen.

Also in die kühlende Abfahrt (ohne Weste und Ärmlinge), denn es war bereits warm genug. Nach einigen Passagen wurden mir meine Fehler nicht nur bewusst sondern meldeten sich mit einem heftigen Krampf im linken Oberschenkel. Bei jeder Linkskurve (bei angewinkeltem Bein) kam der Schmerz immer stärker wieder und ich verkrampfte bereits mit dem ganzen Körper. Die kurvenreiche Abfahrt konnte ich so nicht sehr flüssig bewältigen. Ich hatte jetzt mehr mit mir als mit der Strecke zu tun, was in einer Abfahrt fatal sein kann. Überdies hatte ich bereits zwei Stellen mit Rettungs-Sanitäter passiert. Aber es ging alles gut, einige Plätze und Zeit habe ich hier verloren.

Jetzt hieß es Kopf frei machen und den Krampf wegdrücken (Handmassagen, Beingegenbewegungen etc.). Bis zum Aufstieg zum letzten und schwersten Anstieg (Timmelsjoch) sollte mir dies halbwegs gelingen. Zum Anstieg ging es nahtlos von der Abfahrt über - also ohne Ruhephase. Und jetzt hatten wir mehr als 30°C auf der Skala. Ich hatte zwei Flaschen reines Wasser, was jedoch die Kühlung + Flüssigkeitszufuhr für gesamt ca. 2h Bergauffahrt nicht sicherstellen konnte, denn ich musste nochmals an einer Kraftquelle auffüllen. ISO-Getränk hatte ich aber nun gar nicht mehr auf dem Schirm, denn im Anstieg war der Krampf fast kein Problem mehr. Die Kehrseite war jedoch, dass ich den Anstieg zu ca. 80% im Stehen leisten musste. Da ich gerne bergauf im Stehen fahre, war dies kein Problem. Es ist zwar nicht unbedingt kraftschonend und auch sicherlich nicht so effektiv wie gleichmäßiges Pedalieren im Sitzen aber für mich OK. Ein Fahren im Sitzen war krampfbedingt leider nur mit Schmerzen verbunden. Mitten im Anstieg gab es einen Verpflegungspunkt, der wieder zu einer reichlichen Cola-Befüllung genutzt wurde. Ich vertrage Cola sehr gut, da ich sonst auch gerne und viel Cola trinke (einer meiner Schwächen). Diesmal nutzte ich den Ötzi-Service und nahm eine ISO-Flasche eines offiziellen „Sponser“s entgegen. Umgefüllt in meine eigene Flasche (dabei die Hälfte auf Handschuh und Flasche verschüttet) ging es den restlichen Anstieg hoch. Der Krampf hatte sich durch die krampf- und stellenweise kraftschonende Fahrtechnik und das zusätzliche ISO-Getränk gelöst. Ich erreichte den Gipfel 14:47 Uhr. Die relative „gute“ Zeit/Platzierung habe ich „gefühlt“ hier verloren. Aber das sagen alle ÖTZI-Teilnehmer. Nach der offiziellen Zeitmessung habe ich sogar im Anstieg 37 Plätze gut gemacht. Verrückt! Und noch erstaunlicher: Wenn ich den letzten Anstieg als Bergzeitfahren mit allen Anderen vergleiche, dann habe ich am Timmelsjoch mit Rang 388 die beste Platzierung erreicht: Kühtai: 576, Brenner: 542, Jaufen: 461, TJ: 388.

Jetzt noch die Abfahrt und einen garstigen Gegenanstieg meistern und dann sollte der Ötzi Geschichte sein. Im Ziel war mir dann die Zeit bewusst und wieder ein Wunder. Die Zeit passt fast perfekt zum prognostizierten Pacing-Sheet. Zufall? Nach der Zieldurchfahrt wurde das Finishertrikot im Austausch des Zeitmess-Chip´s entgegen genommen und dann ging es auch gleich zurück zur Bleibe. Dies bedeute nochmal ca. 5km und 150Hm im Ultra-Schnecken-Tempo. Nach Duschen und erster Pflege meiner liebreizenden und verständnisvollen Frau und fürsorglichen Zuwendung meiner Eltern mit Essen und Getränken konnte ich mich auf dem Bergpanorama-Balkon breit machen. Die Pension lag direkt an der Strecke in Zwieselstein und so konnte ich noch bis ca. 20.00 Uhr den restlichen Fahrern meinen Respekt zollen, ehe ich dann den Schlaf des Gerechten antrat. Ich war geschafft, glücklich und zufrieden.

Fazit:
Es war eine tolle Erfahrung und ich kann es jedem ambitionierten „Lang“-Fahrer nur empfehlen, es mal zu machen. Das Event hat zu Recht einen mythischen Status, nicht zuletzt durch das gigantische DRUMHERUM. Aber muss ich das nochmal machen? Oder wie Andere mehrmals? Sicher nicht. Einerseits reicht mir die einmalige Erfahrung und andererseits sollen andere Radler auch in den Genuss kommen. Auch möchte ich nicht in den unweigerlich eintretenden Zeitstrudel: „Schneller, Besser“. geraten. Ich hatte nicht geträumt, getreu dem Motto: >Ich habe einen Traum<. Mein „Schaffen“ hatte ich nicht angezweifelt, das „Zeitliche“ jetzt mal außer Acht gelassen. Ich war gut vorbereitet und ich war mir sicher, dass ich das DING rocke (auch wenn´s vlt. überheblich klingt). Ich muss jetzt nicht mehr auf Understatement machen ;-). Klar ist, dass die genannten Fehler eine bessere Zeit gekostet hatten. Klar ist aber auch, dass ich ansonsten ohne Probleme die Runde fahren konnte. Das Wetter war eigentlich optimal. Der Körper hat bis auf die Krämpfe gehalten, was von ihm abverlangt wurde. Die Technik hat super funktioniert. Die eTap -Schaltung ist zusammen mit der bissigen RED-Bremse auf Exalith – Felgen eine Waffe. Und meine schon etwas ältere Snow White verzückt mich immer noch auch wenn sie nicht die leichteste Rahmenkonstruktion unter der Sonne ist. Mit meiner Leistung (zugehörig zu den besten 10% aller Finisher bzw. meiner AK) bin ich mehr als zufrieden und ein bissel stolz. Es bestätigt mein Leistungsvermögen. Besser werde ich nur bei vielmehr höherem Einsatz, welchen ich nicht bereit bin zu leisten. Da dies nur auf Kosten anderer Tätigkeiten/Zeitanteile geht. Außerdem reizen mich nun andere Sachen, die es ja noch reichlich gibt.

Grüße Torsten

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Ötztaler 2016

Beitragvon Radler am Di 30. Aug 2016, 17:09

Schöner und ausführlicher Bericht. Du hast es aber auch spannend gemacht mit dem Understatement vorher ;)

Am Ende ist das tolle Ergebnis tatsächlich in etwa das, was ich persönlich Dir auch bei optimalen Verlauf zugeschrieben hätte. Allerdings nicht vom rechnen, sondern aus dem immer mal wieder erlebten Vergleich an diversen Hügeln :) . Nochmal Gratulation.

Bei mir 10.40h , was das gegebene Leistungsvermögen bei dem "ungetunten" Gewicht und den "überschaubaren" Abfahrtskünsten (Max. 84 km/h) wohl auch sehr realistisch wiedergibt. Wenn ich mir die Zeiten anschaue wie immer: am Anfang zu flott um gegen Ende doch ziemlich zu schleichen. Da hat der Vorsatz das mal besser einzuteilen irgendwie nicht gefruchtet. Erkenntnis 2016, die Lösung das ISO selbst zuzubereiten (hatte ein Röhrchen mit powerbar Brausetabletten dabei ) funktioniert und bekommt auch besser als die unbekannten Gemische.

Ich fands wie immer wunderbar und versuche - egoistisch wie ich bin - auch 2017 zum 6. mal dabei zu sein.
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Re: Ötztaler 2016

Beitragvon kinderwelt am Mi 31. Aug 2016, 05:05

@centurio:
Schöner Bericht, und mich verwundert bei Dir Zeit und Platzierung nicht, so wie ich Dich kenn. Hab nicht mal mitbekommen, wann Du am Kühtai an mir vorbei bist, oder war es schon auf dem Weg nach Ötz?
Bin selbst auch sehr zufrieden, mit 9:53 als 49. Gesamt. Ich fand es schön so viele bekannte Gesichter dabei zu haben und werde wohl sofern es das Glück eines Startplatzes gibt, es wieder tun.




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Re: Ötztaler 2016

Beitragvon cl am Mi 31. Aug 2016, 20:24

centurio-tle hat geschrieben:Fahrzeit 8:34

Ich hatte mich richtig gefreut als ich Dich mit dieser Zeit durch's Ziel fahren sah. :anbetung:
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Re: Ötztaler 2016

Beitragvon sippe am Do 1. Sep 2016, 17:41

Schöner Bericht. Glückwunsch!
"will halt auch dabeigewesen sein"-Fahrer :-D
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Re: Ötztaler 2016

Beitragvon AlexD. am Fr 7. Okt 2016, 08:35

Herzlichen Glückwunsch und großes Kino Centurio! Toller, ausführlicher Bericht und "Chapeau" zur gezeigten Leistung. Ich ziehe meinen Hut! Völlig irre ist ja deine Abfahrtsgeschwindigkeit! ;D
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