Norwegen 2016

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Re: Norwegen 2016

Beitragvon Falcon am Di 21. Feb 2017, 02:00

Blick vom Aksla über Ålesund.

Die Strecke ;)
http://www.gpsies.com/map.do?fileId=jqnvdflrlpehwkig
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5_zwei Personen in Betrachtung des Abendrotes.jpg
Zwei Personen in Betrachtung des Sonnenuntergangs
5_Blick ins Landesinnere.jpg
Blick ins Landesinnere
5_Blick auf Alesund.jpg
Blick auf die Stadt
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Re: Norwegen 2016

Beitragvon Falcon am Mi 22. Feb 2017, 23:49

6. Tag

Heute ist Ruhetag. Es ist nicht so, dass ich in den letzten Tagen schon viele Körner verbraucht hätte und Erholung nötig wäre, aber erstens kann ich mir Ålesund ansehen und zweitens: :regen: :regen: :regen:
Ich besuche eine Galerie und das Jugendstilmuseum und streune durch die Straßen. In der Innenstadt stehen fast nur Häuser im Jungendstil, die sehr schick aussehen und nur aufgrund eines verheerenden Stadtbrandes Anfang des 20. Jahrhunderts innerhalb weniger Jahre errichtet wurden. Auch ein Parkhaus wurde mit einer entsprechend nachempfundenen Fassade versehen und fügt sich damit nahtlos in das Stadtbild ein, toll!
An einigen Stellen fallen mir in der Stadt Straßen auf, die „Amstel Gold“-like sind, kurz und sehr steil.
Einen Fahrradladen suche ich hier im Zentrum allerdings vergeblich, den gibt es nur außerhalb auf der „grünen Wiese“.
Dafür klappt es heute mit dem Bier :prost:
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6_Ålesund_Stadthafen_2.jpg
6_Ålesund_Stadthafen.jpg
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6_Ålesund_2.jpg
6_Ålesund.jpg
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Re: Norwegen 2016

Beitragvon Falcon am So 5. Mär 2017, 20:00

7. Tag

Bevor ich in weniger dicht besiedelte Gebiete aufbreche, muss ich unbedingt als erstes neue Bremsbeläge organisieren. Durch die anhaltende Nässe der letzten Tage ist der Abrieb der Felgenbremsen enorm und der Belag schrumpft zusehends.
Ich radle zu gemütlicher Zeit los und erreiche, trotz bedrohlicher Wolken noch im Trocknen, kurz vor Ladenöffnungszeit ein für diese Gegend abnorm großes Einkaufzentrum auf der grünen Wiese vor der Stadt. Hier kaufe ich die gewünschten Bremsbeläge, benutze dankenswerterweise die wohltemperierte Toilette und mache mich auf die heutige Etappe. Und just fängt wieder ein grässlicher Dauerregen an, der heute nicht mehr enden wird. Aber darauf hat mich der Wetterbericht schon eingestimmt und so bin ich mental darauf eingestellt. Außerdem, und das ist das Wichtigste, SOLL AB MORGEN SCHÖNES WETTER SEIN!!!
Unter Umgehung größerer Straßen radle ich durch das Wasser nach Sjøholt und hole mir in einer Tankstelle wieder mal 'ne heiße Schokolade. Hier rufe ich Campingplätze an, um mir eine Hütte für heute Nacht zu sichern, denn ich werde in der Nähe eines touristischen Höhepunkts von Norwegen sein und bei dem Regen habe ich keine Lust, lange zu suchen. Und schon beim zweiten Telefonat wird mein Reservierungswunsch entgegengenommen. Damit fährt es ich gleich etwas erleichtert durch die Nässe
In Valsvik verlasse ich den Storfjord und folge einer kleinen, einsamen Straße, die sich eine Anhöhe heraufzieht. Nach einem Campingplatz verliert die Straße leider die schöne Asphaltdecke und es geht weiter auf Naturstraßenbelag. Der Belag ist zum Glück sehr stabil und trotz Dauerregen nicht aufgeweicht. Es wird nun richtig einsam und trotz des Wetters genieße ich die unglaubliche Stille hier. Irgendwann auf ca. 400 Meter geht es nicht mehr weiter nach oben und ein Hauch der typischen Gebirgslandschaft ist durch die tiefhängenden Wolken zu erahnen. Die Abfahrt von dieser Höhe geht über eine sehr breite, mit gelben Kies belegte Straße und schon bin ich wieder auf Meeresspiegelniveau in Tresfjord. Durch die Abfahrt ist mir wieder kalt und so fahre ich schnell weiter.
Ich gelange auf eine für norwegische Verhältnisse stark befahrene Straße, die E39, und schon bald kann ich mich bei „Tante Klara“ aufwärmen. „Tante Klara“ ist ein Rasthaus, dass wie gerufen kommt, denn dort gibt es leckere Blaubeermuffins und Cappucino. Der Besitzer hat Zeit und schwatzt noch eine Weile mit mir nach Woher und Wohin. Er meint, dass ich unbedingt eine reflektierende Weste benötige, aber ich habe Reflektoren an den Packtaschen und ein funktionierendes Rücklicht und so werde ich die anstehenden Tunnel bewältigen. Die ersten Tunnel, die hier im weiteren Straßenverlauf entlang des Romsdalsfjord kommen, kann ich elegant mit kleinem Umweg umfahren, da die alte, ursprüngliche Straße noch vorhanden ist. Hinter dem Innfjord steht der (welch Überraschung) Innfjordtunnel auf dem Programm. Vor der Durchfahrt kann ich mich leider nicht drücken, unmöglich, keine alternative Route. Bei meiner Tourplanung wurde ich vor diesem über 6 km langen Teil schon gewarnt: „No fun to cycle.“ Aber was soll's, die Durchfahrt ist für Radfahrer nicht verboten. Also Augen auf und durch. Die ersten Meter sind schon mal unangenehm, da eine Lüftungsanlage dröhnt, als würde ein Flugzeug neben mir seine Triebwerke starten. Die Straßenoberfläche ist mit hässlichen Rillen übersät und es kommen relativ häufig Autos, so dass ich lieber auf den „Fußweg“ weiterfahre. Der ist allerdings sehr eng und so eiere ich weiter schön langsam im Halbdunkel immer zwischen Bordsteinkante und Fels. Nun möchte zu allem Überfluss die Schaltung nicht mehr so wie ich will und springt von allein immer wieder auf das kleinste Ritzel, was ich bei der langsamen Fahrt nicht wirklich gebrauchen kann. Die Fahrt wird durch die ganzen Umstände total nervig (obwohl es hier drin wenigstens trocken ist) und ich brauche sehr lange, um aus dem Tunnel wieder herauszukommen. Also wenn man nicht unbedingt hier durchfahren muss, sollte man dieses Ding unbedingt meiden.
Åndalsnes lasse ich links liegen und fahre gleich zum Trollstigen Resort, ein etwas bombastischer Name für einen Campingplatz. Vor Nässe triefend aber glücklich nehme ich hier den Schlüssel für meine reservierte Hütte in Empfang. Das ist ein rustikales und ziemlich komfortables Teil, das eigentlich für 4 Personen ausgelegt ist. Durch den mir so zur Verfügung stehenden Platz kann ich wieder mal alles zum Trocknen ausbreiten und hoffe, dass ich das bis auf weiteres zum letzten Mal machen muss.

Die Strecke:
http://www.gpsies.com/map.do?fileId=hijkzynckbqxhdat
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7_Ellingsoyfjord.jpg
Ellingsøyfjord
7_Naeremstindane.jpg
Naeremstindane
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Tresfjord
7_Tante Klara.jpg
Tante Klara
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Re: Norwegen 2016

Beitragvon Falcon am Mi 8. Mär 2017, 23:04

8. Tag

Der erste Blick geht aus dem Fenster und ich weiß, dass ich heute zur richtigen Zeit am richtigen Ort bin! Es liegen zwar noch einige gewaltige Wolkenfetzen zwischen den Bergen, aber die Sonne scheint schon so kräftig, dass sie den Durchbruch schaffen wird.
HEUTE werde ich die Fahrt durch den nassen, permanent tropfenden Kühlschrank beenden!
HEUTE werde ich kurz/kurz fahren!
HEUTE werde ich nachholen, was ich in den letzten Tagen oft lassen musste!
HEUTE fahre ich den ersten langen Pass!
HEUTE bin ich praktisch in der Pole Position zum Trollstigen.
Meine Stimmung könnte kaum besser sein, wäre da nicht das Problem mit meiner Schaltung, das gestern während der Tunneldurchfahrt begann. Professionelle Hilfe werde ich heute zum Sonntag kaum organisieren können :gruebel: Also gebe ich meinem Rad nach dem ganzen Dauerregen erst mal eine Pflegeeinheit. Ich säubere und schmiere die Kette und die Schaltung und siehe, oh Wunder, das reicht schon, damit die Schaltung wieder so läuft wie sie soll. Schnell wechsle ich noch die Bremsbeläge und fertig ist das Maschinchen für neue Taten.
Was für ein Morgen, als ich in das Isterdal starte und die Berge zwischen den Wolkenfetzen sehe! Die Höhenunterschiede sind typisch für Norwegen gewaltig. Ich breche heute fast auf Meeresspiegelniveau auf und die umgebenden Berge sind 1500-1800 Meter hoch und oben glitzert verlockend der Schnee. Die Straße folgt dem Tal erst mit mäßigem Auf und Ab mit etwas Wald. An einem Parkplatz öffnet sich der Blick auf die Passstraße, die sich mustergültig mit einigen ordentlichen Serpentinen ausgestattet die Felswand hinaufwindet. Dabei überquert sie noch zwei gigantische Wasserläufe / - fälle, die durch die Regenfälle der vergangenen Tage Unmengen von Wasser wild tosend in die Tiefe stürzen lassen. Man fühlt sich in diesem im Halbrund aufgebauten Naturschauspiel wie in einer gewaltigen Arena. Was für ein Anblick - ein Spektakel :ohnmacht: Und ich werde die Auffahrt genießen! Ich fahre los und ich halte sehr oft an, um die sich ständig neuen Aussichten zu genießen. Unterwegs holt ein Reiseradler von hinten auf. Wir unterhalten uns kurz. Er kommt aus der Schweiz und hat den Dauerregen am gestrigen Tag im Zelt verbracht – auch eine Möglichkeit, die ich mir aber als ziemlich langweilig und öde vorstelle. Ich muss ihn noch einfach fragen, ob er ein vergleichbare Straße in den Alpen kennt und ihm fällt nichts wirklich passendes ein. Ich radle im Genusstempo weiter, fotografiere, grüße die vorbeifahrenden Touristen, die auch nur hier sind um zu „gucken“ und werde gegrüßt. Und dann komme ich aus dem Schatten der Berge heraus in die pralle Sonne und kann endlich, endlich mit kurzer Bekleidung weiterfahren. Serpentinen haben hier keine Nummern, sondern individuelle Namen, sehr hübsch. Am Ende der steilen Bergwand angekommen gibt es atemberaubende Blicke zurück in das Istertal, auf die Straße und auch in die Bergwelt weiter oben. An dieser Stelle steht eine Aussichtsplattform, ein Restaurant mit Shop (oder was sonst noch hier so benötigt wird), das mir aber dann doch mit seiner modernen Architektur gefällt. Aber mir sind hier viel zu viele Touristen und ich fahre bald weiter. Die Straße geht noch etwas bergan, aber deutlich flacher, und endet auf ca. 900 Meter. Hier oben wächst schon kein Baum mehr und die Natur ist karg, aber trotzdem wunderschön. Ich knalle mich am höchsten Punkt des heutigen Tages in die pralle Sonne und raste und genieße die Aussicht. Allzu lange darf es nicht werden, denn ich habe noch etwas vor und so stürze ich mich in die lange, lange Abfahrt durch das Meiardal in den nächsten Fjord. Schon wieder ziemlich weit unten sehe ich doch einige Erdbeerfelder, die ich hier nicht unbedingt erwartet habe; leider ist die Saison schon vorbei. Unten am Norddalsfjord angekommen hat doch zum heutigen Sonntag ein kleiner Supermarkt in dem noch kleineren Ort Valldal geöffnet, was ich gleich nutze und ich schiebe mir frisches Gebäck und Eiskaffe in den Bauch. In Linge setze ich mit der Fähre über den Fjord nach Eidsdal über und selbst das ist bei dem Wetter ein Erlebnis! Auf der anderen Seite des Fjords beginnt der zweite Anstieg des Tages, der wie ein Spiegelbild des ersten Anstieges wirkt. Hier fahre ich die Seite mit dem deutlich flacheren Anstieg hoch. Kurz vor dem höchsten Punkt kommt noch ein Tunnel; nicht allzu lang. Aber dank des gestrigen Erlebnisses nehme ich viel lieber freiwillig den daneben liegenden Schotterweg. Und dann bin ich zum zweiten Mal heute wieder ganz oben angekommen, stehe auf ca. 600 Meter Höhe und wieder habe ich einen grandiosen Ausblick. Vor mir liegt tief unten der wohlbekannte, tief eingeschnittene Geirangerfjord und rings herum grüßen die Berge. Auch hier haben die Norweger sich nicht lumpen lassen und eine tolle Aussichtsplattform mit künstlichem Wasserfall hingebaut (aber wer braucht in Norwegen schon einen künstlichen Wasserfall…). Ich sehen, wie ein dickes Kreuzfahrtschiff langsam aus dem Fjord herausfährt und eine Rauchfahne hinterlässt.
Steil geht es in etlichen Serpentinen nach unten in den Fjord und die Bremsen werden heiß. Unten angekommen will ich es besonders schlau anstellen und mich auf einem ruhigeren, abgelegenem Campingplatz einquartieren, aber die sind nicht auf zeltende Gäste eingestellt. Also fahre ich zurück zu dem für norwegische Verhältnisse riesengroßen Campingplatz direkt am Ende des Fjords im Ort Geieranger. Hier ist viel Betrieb, aber ich kann für mein Zelt noch ein Plätzchen am Rande ergattern und der nahe Fluss dröhnt doch so laut, dass man nicht alle Gespräche seiner Nachbarn mithören muss. Aber es reicht noch soweit, dass ich ein junges spanisches Pärchen im Studenten-Alter belauschen kann. Erst streiten die Beiden recht lautstark und mit viel Elan und Engagement. Wahrscheinlich war der Tag zu anstrengend (ich sehe ein selbstgemaltes Schild für's Trampen) oder der Platz für das Zelt entspricht nicht allen Vorstellungen und was weiß ich nicht alles. Aber siehe da, nach einer halben Stunde haben die beiden das Zelt dann doch aufgebaut und liegen sich eng in den Armen, als wäre nichts gewesen. Passend dazu umspielen rosarote Wolken die umliegenden Bergspitzen :liebe:

Die Strecke:
http://www.gpsies.com/map.do?fileId=edytnufhftpgevbe
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8 Trollstigen Resort - Aufbruch am Morgen.jpg
Aufbruch am Morgen
8 Trollstigen_2.jpg
Serpentinen
8 Trollstigen.jpg
Trollstigen
8 Bispesvingen.jpg
Bispesvingen
8 Trollstigen - ganz oben.jpg
ganz oben
8 Norddalsfjorden.jpg
Norddalsfjord
8 Geirangerfjord.jpg
Geirangerfjord
8 Geiranger.jpg
Geiranger
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Re: Norwegen 2016

Beitragvon YuSmart am Sa 11. Mär 2017, 14:22

Klasse Bilder! :anbetung:
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Re: Norwegen 2016

Beitragvon Radler am Sa 11. Mär 2017, 19:33

Wunderbar. Bericht und Bilder :) schön das mitlesen zu dürfen........
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Re: Norwegen 2016

Beitragvon Falcon am So 12. Mär 2017, 00:41

YuSmart hat geschrieben:Klasse Bilder! :anbetung:


Danke!
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Re: Norwegen 2016

Beitragvon Falcon am So 12. Mär 2017, 00:42

Radler hat geschrieben:Wunderbar. Bericht und Bilder :) schön das mitlesen zu dürfen........


Danke, das freut mich!
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Re: Norwegen 2016

Beitragvon Falcon am So 12. Mär 2017, 00:51

9. Tag

6:30 Uhr, ich steige aus meinem Zelt und schaue überrascht direkt in das Heck von einem Kreuzfahrtschiff, dass ich ohne großen Lärm zu veranstalten, in der letzten Stunde hier in das Ende des Fjords herangeschlichen hat.
Heute habe ich ein großes Ziel vor, frühstücke ausgiebig und decke mich vor der Abfahrt in dem kleinen Supermarkt direkt am Zeltplatz gelegen mit allerlei Essbaren ein, da ich unterwegs voraussichtlich keine andere Möglichkeit haben werde. Als ich aus dem Geschäft wieder herauskomme, sehe ich drei Leute, die sich sehr interessiert mein Rad näher betrachten. Schon will ich ein paar deutliche klärende Worte sagen, aber dann merke ich, dass es auch nur Reiseradler sind. Wir kommen ins quatschen, wobei sich einer der Jungs nebenbei noch die Zähne putzt und sich zwischendurch ab und zu in den nächsten Gulli entleert. Die drei Jungs kommen aus England und sind von Genua (!) hierher geradelt :daumen: Den Abschnitt durch Deutschland fanden sie besonders toll, da sie eine flache Route (viel am Rhein entlang) stumpf gen Norden gewählt haben, deswegen sehr schnell vorangekommen sind und es war billig. Wie wahr! Berge mögen die drei nicht so, ich aber umso mehr. Mich haben sie sofort als Deutschen identifiziert, da meine Radtaschen so sauber sind :raetsel: (Ortlieb fahren dagegen heute nicht mehr nur Deutsche).
Nun muss ich aber endlich aufbrechen, um aus dem engen Fjord wieder rauszukommen und es geht sofort ab Zeltplatz richtig zur Sache. Zuerst windet sich die Straße mit Serpentinen durch den Ort. Hier steht an einer besonders schönen Stelle am Hotel Bellevue, dass seinen Namen wirklich zu Recht trägt, eine Säule zu Ehren für Kaiser „Geirangerfreund“ Wilhlem II., der hier 11 Mal war. Der wusste offenbar auch, wo es besonders schön ist. Etwas später gibt es wieder Aussichtspunkte mit spektakulären Blick über den Ort und den Fjord. Mittlerweile sind auch etliche Reisebusse und Elektro-Leihwagen mit Touristen vom Schiff unterwegs und eben biegt das dritte Kreuzfahrtschiff des Tages um die Ecke. Weiter geht es und nach dem Ortsende wird der Anstieg erst mal deutlich flacher, bevor es in endlosen Serpentinen und moderaten Steigungsprozenten weiter nach oben geht. Den Fjord verliert man hier erst mal wieder aus den Augen. Ich fahre vor mich hin, freue mich des Berges und nach 700 Höhenmetern am Stück muss ich erst mal eine kurze Rast einschieben. Die Vegetation wird hier schon wieder karg; keine Bäume mehr. Und weiter geht es. Horden von Radfahrern kommen mir auf Mountinebikes entgegen. Die müssen wohl die Reiseveranstalter hier hochgeschafft haben. Auf ca. 1000 Metern wird es wieder deutlich flacher und Schneefelder sind auf den umliegenden Bergen zu sehen. Und dann kommt ein schöner, von Bergen umgebener großer See: Djupvatnet. Und hier gilt es eine Entscheidung zu treffen, die mir nicht allzu schwer fällt. Obwohl ich bei meinen Radtouren kein Freund des Befahrens von Stichstraßen bin, zieht es mich einfach noch weiter hinauf. Die Wolken sind zwar nicht mehr weit entfernt und deswegen ist nicht sicher, ob ich da oben überhaupt was sehen werde, aber wer weiß, wann ich jemals wieder hier stehen werde. Also biege ich in die Sackgasse zum Gipfel Dalsnibba ab. Das ist 'ne Mautstraße, aber Radfahrer haben freien Eintritt :cool:
Die Straße zieht sofort wieder deutlich an ich merke, dass ich bis hierhin schon ein paar Körner gelassen habe. Na ja, sind nur noch gute 400 hm am Stück, das werde ich auch noch schaffen, man muss sich das im Kopf nur passend zurechtrücken. Die Straße geht in mehr oder weniger engen Serpentinen recht gleichmäßig und mittlerweile unerbittlich bergan. Als nur noch knapp 100 hm übrig sind, muss ich auf Kampfmodus umschalten, Motivation ist jetzt alles. Da kann mich der einsetzende Nebel auch nicht mehr stören. Ich will jetzt da hoch!!! Hier oben ist es schon ziemlich frisch, aber ich fahre immer noch kurz/kurz und friere nicht. Und dann habe ich es geschafft: Dalsnibba, mit knapp 1500 Metern der höchstgelegene Aussichtspunkt auf einen Fjord in Europa, den man auf einer Straße erreichen kann. Ziemlich kaputt krabble ich vom Rad und stopfe Essen und Trinken gierig in mich rein. Erst jetzt wird mir so richtig bewusst, dass momentan die Sichtweite durch die Wolken auf ca. 100 Meter beschränkt ist, aber da ich nicht weiß, was mir hier entgeht (das schaue ich mir erst zu Hause an), bin ich auch nicht so sehr enttäuscht. Ein paar redselige Damen aus der Schweiz sprechen mich an und überreden mich, dass sie von mir unbedingt ein „Gipfelfoto“ machen. Ich bin zu keinem Widerspruch fähig. Danach ziehe ich mir alle Klamotten an, die ich bei mir habe, denn die Abfahrt wird bei aktuell 8°C nicht gemütlich. Gerade kommen noch drei Reisebusse an und schütten allerlei Touristen aus und so wird Zeit, dass ich hier wieder verschwinde. Zunächst bergab bei schönen Ausblicken zurück zum Djupvatnet, wo ich in der Djupvasshytta ein Süßgebäck der Region (Name leider vergessen, eine Art Pfannkuchen mit viel Zucker und Butter) verspeise. Derart gestärkt geht es weiter durch die Gebirgslandschaft. Ich fahre an mehreren Seen entlang (Djupvatnet, Langvatnet, Breiddalsvatnet), durch ein sich aufweitendes und später sehr weites Tal ohne groß an Höhe zu verlieren.
Am Ende des Breidalsvatnet biege ich in eine alte Gebirgsstraße ein, Strynsfjellvägen. Das ist eine alte Verkehrsverbindung mit Naturbelag, der aber sehr gut in Schuss ist. Hier wird es ziemlich einsam und schön und immer wieder bricht die Sonne durch die Wolken. Es geht zunächst sehr moderat bergauf in einem weiten Tal. Die Stille wird nur durch Wasserrauschen, das von den zahlreichen Bächen hervorgerufen wird, unterbrochen, und ab und zu kommt ein Fahrzeug vorbei. Ich genieße diesen Weg mit seinen zahlreichen kleinen Windungen und die weite Sicht. Auf 1139 Metern erreiche ich die höchste Stelle und von hier aus geht es sanft wieder bergab. Nach ein paar Kilometern fängt an einer Skistation der Asphalt wieder an, und die Straße verliert immer schneller an Höhe. Die Abfahrt ist herrlich und dauert lange bis ich wieder ganz unten bin. Heute zwar nicht auf Meeresspiegelniveau an einem Fjord, aber auf nicht mal 100 Metern Höhe finde ich einen fast leeren Campingplatz und stelle mein Zelt in das große Rund mit den roten Holzhütten mit den weißen Fensterrahmen. Der Sonnenuntergang taucht die umliegenden Berggipfel für ein paar Minuten in rosarotes Licht.

Die Strecke:
http://www.gpsies.com/map.do?fileId=mndjdxccpfpmpoyd
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9 Früh morgens Geirangerfjord.jpg
Früh morgens im Geirangerfjord
9 Geirangerfjord.jpg
Betrieb im Geirangerfjord
9 Radler.jpg
Radler
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Djupvatnet
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Der Gipfel
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Strynsfjellvägen
9 Strynsfjell.jpg
Strynsfjell
9 Abfahrt.jpg
lange Abfahrt
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Re: Norwegen 2016

Beitragvon Falcon am Do 16. Mär 2017, 00:25

10. Tag

Heute früh strahlt die Sonne schon vom wolkenlosen Himmel, was wird das für eine Wonne, heute mit dem Rad zu fahren :cool:
Strynevatnet, der erste See des Tages, bietet schon unverschämt schöne Postkarten-Motive mit türkis-grünlichem Wasser, in dem sich die Umgebung spiegelt.
Im Örtchen Stryn frische ich meine Lebensmittelvorräte in einem Supermarkt auf und als ich aus dem Geschäft wieder herauskomme, stehen zwei ältere Damen ganz in der Nähe von meinem Rad und plaudern munter daher. Als die eine Dame sich von der anderen verabschiedet denke ich noch bei mir, dass ich nun gleich als Gesprächspartner herhalten muss. Und siehe da, die ältere Dame hält es nicht lange aus und spricht mich an. Ich helfe mir mit meinen brachliegenden Schwedisch-Kenntnissen und siehe da, das reicht durchaus für einen passablen small talk. Nachdem die gesprächige Dame ihre Neugier befriedigt hat, sitze ich wieder auf und fahre am Innvikfjord entlang, der sich wiederum in etliche Seitenfjorde aufteilt. In dem winzigen Ort Loen wird gerade eine Seilbahn vom Ufer des Fjords hinauf auf den nächsten Berg in schwindelerregende Höhe gebaut. Tja, Attraktionen sollen Touristen anziehen. Im nächsten kleinen Ort Olden ankern ein mächtig großes und ein kleineres Kreuzfahrtschiff und viele Gäste werden zum nahegelegenen Gletscher hinaufgefahren. Ich bleibe unten am Fjord und muss erst mal eine lange Baustelle durchqueren. Aber ich habe Glück und muss nicht wie die mehrspurigen Fahrzeuge eine halbe Stunde (!) warten, sondern darf mit Erlaubnis des bulligen Bauarbeiters mich sofort durchschlängeln. Find ich super! Bis Utvik rolle ich entlang des Fjords und hier stellt sich mir der Anstieg des Tages in den Weg. Es geht in sanften Serpentinen nach oben und es bieten sich herrliche Ausblicke über den Fjord. Ungefähr in der Mitte des Anstiegs treffe ich mal wieder mal auf einen anderen Reiseradler. Er kommt aus Spanien und ist von Barcelona (!!!) hierher gefahren. Er hat noch einen weiten Weg vor sich und will noch auf dem Landweg nach Finnland und dann wieder südlich ins Baltikum. Hoffentlich hat er es bis zum Wintereinbruch geschafft.
Ich fahre weiter bergan und auf ca. 600 Meter bin ich oben angekommen und kann eine weite, weite Sicht in die Umgebung genießen.
Nach der Abfahrt bin ich im kleinen Ort Byrkjelo. Hier hat jemand am Straßenrand Skulpturen auf eine Wiese und auch in den nahen Fluss gestellt, die meine Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Ich verweile etwas in dem unerwarteten Kulturangebot und mache eine paar Fotos. Gerade als ich wieder losfahren will, kommt ein Mann auf mich zu, schiebt mir einen Kunstdruck in die Hand und sagt, es wäre von ihm, dem Künstler. Total perplex über das unerwartete Kunstwerk möchte ich das gar nicht annehmen und ihm gleich wieder zurückgeben, aber da läuft er schon weiter. Nun habe ich zwar einen schönes Geschenk, aber wie soll ich das A3 Format transportieren :raetsel: Mir bleibt nichts anderes übrig, als es ein Mal zu falten und in einer der hinteren Packtaschen zu verstauen und zu hoffen, dass es den Transport halbwegs gut überlebt.
Ich fahre weiter durch ein relativ enges und dadurch düsteres Tal. Aber in Skei öffnet sich die Landschaft wieder und das Jølstravatnet wird mich bis zum Ende der heutigen Etappe begleiten. Ich fahre am südlichen Ufer auf einer sehr ruhigen, kleinen Straße entlang dieses Sees, einfach himmlisch bei diesem Wetter! Ein paar Rennradler drehen hier ihre Feierabend-Runde und wir quatschen etwas miteinander. Dann wird es langsam Zeit, ein Nachtlager zu suchen. Den ersten Zeltplatz am See lasse ich nach einer kurzen Inspektion der sanitären Einrichtungen links liegen. In dem kleinen Ort Vassenden, an der Stelle, wo der See seinen natürlichen Abfluss hat, finde ich einen traumhaften, kleinen Zeltplatz, direkt an dem Fluss Jølstra. Die Lage ist toll und die sanitären Einrichtungen super toll gepflegt. Ich habe erst Bedenken, dass ich direkt an dem doch recht lauten Wasserlauf keinen Schlaf finden werde, aber schnell falle ich ins Koma.

Die Strecke:
http://www.gpsies.com/map.do?fileId=thrrdwobqwawbvpy
Dateianhänge
10 Strynevatnet.jpg
Strynevatnet
10 Oppstryn.jpg
Oppstryn
10 Britannia.jpg
Britannia
10 Innvikfjord.jpg
Innvikfjord
10 Fridtjof Nansen.jpg
Fridtjof Nansen
10 Jolstravatnet.jpg
Kjøsnesfjord
10 Haus am See.jpg
Haus am See
10 Zeltplatz.jpg
Zeltplatz
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