Freitag143 km / 3400 hm
Endlich, der Tag, auf den der Mortirolo so lange hat warten müssen - peso kommt zu seiner Erstbefahrung und hat sich natürlich die klassische Variante ab Mazzo ausgesucht. Können es die km 3 - 9 mit dem idiotisch-dolosen Charakter von
Grüntenhütte und
Schlappold Alpe aufnehmen?
Zunächst entscheiden wir uns für den Autotransfer bis zur Stelviopaßhöhe - Mortirolo, Gavia, und 2x Stelvio an einem Tag müssen natürlich auch unbedingt mal sein, aber damit will ich warten, bis das Rad leichter und die Tage wieder länger sein werden. Die Abfahrt nach Bormio ist nur mit geringer Fingerfrostigkeit verbunden und bereitet das frühe Vergnügen, jetzt schon Dutzende bunter Trikotkleckse am Anstieg schwitzen zu sehen. An der Gabelung zum Foscagno trennen wir uns und ich verliere noch mal gute 200 hm bis ich am Ortsausgang der ausgeschilderten Alternativroute nach Grosio folge und durchs frühmorgendlich gelangweilte Valdisotto fahre. Das Terrain ist wellig, aber tendenziell sinkt die Anzeige des Höhenmessers auf deutlich unter 800 m. Ich weiß ja gar nicht, nach welcher Seite ich zuerst den von der landschaftlichen Schönheit schon fast übersättigten Blick richten soll - hohe Berge, niedrige Berge, ein Flüßchen, sattgrüne Wiesen, beeindruckende Felsmassive und die Alten, die in Grosio auf ihrer Bank sitzen und Zeitung lesen, während ich den Abzweig zum Mortirolo ignoriere und der Straße weiter nach Mazzo folge. Als ich kurz halte, um mal auf die Karte zu schauen, rast ein Gerolsteiner mit Begleitung bei guten 60 km/h an mir vorbei - da bin ich doch froh, daß ich nicht auf dem Rad Teil dieses demütigenden Spektakels geworden bin.
In Mazzo überquere ich die Brücke und bin nach einer Rechtskurve in einem schmalen Gäßchen, das den Beginn des Anstiegs zum
Mortirolo darstellt. Sofort schalte ich 30x27, auch wenn die Steigung noch unter 10% beträgt, aber man ist hat ja die Steigungszahlen bei Salite noch warnend im Kopf - nur nichts überstürzen. Schon nach 900 m zeigt der Computer das erste Mal 14%, beruhigt mich dann wieder bei 4-6%, bis es endlich richtig losgeht. Lustige Menschen haben die maximalen Steigungsprozente zur Stärkung der Psyche auf die Straße gemalt, sodaß man auch gleich eine Beschäftigung hat, sollte es bei 17% doch zu langweilig werden. Stimmen die Angaben mit der Zahl auf dem Lenker überein? Sind das jetzt wirklich 20%? Schließlich habe ich 21% auf dem Display, während der gute Asphalt meist angenehm kühl durch den Wald nach oben führt und bisweilen an einer Kurve den Blick auf Mazzo freigibt. Immer wieder öffnet sich die grüne Wand und verlassene (?) Höfe brüten einsam in der lombardischen Sonne, hölzerne Schilder verraten Namen und Höhe der Bauten. Mir geht es phantastisch. Mit meiner Kinderübersetzung kurble ich locker in den Steilstücken nach oben und widerstehe der Verlockung, bei den kurzen Abschnitten mit 8-12% den Umwerfer zu betätigen, sondern nutze die Zeit, um mich zu erholen und etwas zu trinken. Im ganzen Anstieg begegnen mir zwei Autos und ein Motorrad, an einer ganz tückischen Rechtskurve überhole ich einen vielleicht zwölfjährigen Italiener mit MTB und muß natürlich sofort an einen jungen Lombarden und den Stelvio denken, also gibt es ein paar aufmunternde Worte und ich fahre mit doppelter Geschwindigkeit (also so ungefähr 10km/h

) an ihm vorbei.
Nach einer letzten Steilwand wird es kurz flacher und in einer Linkskurve muß ich selbstverständlich halten, um dem verstorbenen Bergfahrergott kurz meine Referenz zu erweisen. Überhaupt, die Künstler mit der Begeistung in der Fanbrust und dem Pinsel in der Hand scheinen nur zwei Namen zu kennen - Basso und Pantani. Ach ja, ein "Ullrich" sehe ich auch - gefolgt von einem dicken Fragezeichen...
Am Denkmal ist der schwierigste Teil der Strecke überwunden, der Abzweig nach Grosio erscheint erst deutlich später als erwartet und ich habe keine Probleme mehr mit den restlichen 8-10% steilen Kilometern. Kurz vor der Paßhöhe tritt man dann endgültig aus dem Wald heraus und mir kommen zwei kurz behoste Männer entgegen, die mit lauter Stimme und Badetüchern für Giroatmosphäre sorgen. An einer picknickenden Familie fahre ich auch noch vorbei, bis ich oben an der Bergwertung bin. Zufrieden und begeistert. Das ist der mit Abstand schönste Anstieg, den ich je gefahren bin. Steil, schmal, unrhythmisch, nicht gar zu lang, meist im Wald versteckt, aber mit herrlichen Ausblicken auf das Valdisotto - einfach perfekt. Die Schlappold Alpe und erst recht die Grüntenhütte halte ich für wesentlich schwieriger, weil dort diese flachen Abschnitte fehlen, welche man zur kurzen Erholung nutzen könnte. Im Gegensatz zu diesen Anstiegen ist der Mortirolo keine Zirkusnummer, sondern eine echte und (mit der richtigen Übersetzung) faire Herausforderung.
Die Abfahrt vom Mortirolo ist in hervorragendem Zustand und ein Fest für den risikobereiten Möchtegernfalken. In Monno muß ich wieder etwas Bremsgummi investieren, um dieses Bergstädtchen auf dem Digitalsensor festzuhalten. Noch vor Edolo biege ich auf die SS 42 ab und folge ihr bis Ponte di Legno. Meine Güte, das sind die schwersten Kilometer meines gesamten Alpenaufenthaltes. Beständig geht es mit 1-3% bergauf, der Gegenwind tut sein bestes, um mich in der nun unangenehmen Mittagshitze nicht vertrocknen zu lassen. Das sind fast 300 hm bis zum Beginn des Gavia, bei vergleichsweise starkem Verkehr und mit schwindenen Wasservorräten. Endlich bin ich in Ponte di Legno und suche nach Flüssigkeitsnachschub. Ein Blick auf die Uhr verheißt wenig Hoffnung - Mittagszeit. Tatsächlich finde ich keinen geöffneten Laden und fahre mit einer halben Flasche Isostar in den Beginn des
Gavia. Žhm...sorry...Reimneurose.
Der Anstieg beginnt sehr moderat und auf breiter Straße, daß ich schon fast denke, ich hätte mich verfahren. Ein paar Serpentinen später sehe ich links einen Rastplatz und tatsächlich einen Brunnen, der meine Flaschen füllen und mich beruhigen darf. Schlagartig verjüngt sich schließlich die Straße und der Steigungsmesser zeigt sofort lustige Werte. Gleich mal 15% sind zu überwinden, maximal messe ich am Gavia 17,5%. Der Stelvio mag beeindruckender sein, die Verwegenheit der Paßstraßenkonstruktion noch atemberaubender, aber diese, pardon, wild-romantische Felsenwirklichkeit des Gavia ist von solch eindringlicher Schönheit, daß mir ganz sentimental wird. Immerhin ist der Verkehr an diesem Tag eine Plage. Manchmal denke ich wirklich, ich sei im Harz. Motorräder schießen hupend um die Kehren, die alterschwache Blechkisten husten schwarzen Rauch und nur Radfahrer sehe ich keine. So wirklich Großartiges vermelden meine Beine nicht mehr, ab etwa 2000 m habe ich auch wieder Probleme mit der dünnen Höhenluft. Die angezeigte Geschwindigkeit will nicht mehr so recht zur Steigung passen und dann verschluckt mich auch noch das schwarze Loch des Tunnels. Es ist stockfinster, weil ich meine Sonnebrille mit -5 Dioptrien auch nicht abnehmen kann und ich eiere auf der Fahrbahn umher. Bald weiß ich nicht mehr, wo genau ich mich nun befinde - noch am Rand oder schon auf der anderen Seite? Endlich wird es wärmer und heller...und steiler natürlich, aber weit ist es nicht mehr.
An der Paßhöhe fülle ich meine Flaschen wieder auf und rase den Berg hinab. Eine schöne Abfahrt, nicht ganz so steil und bis S.Caterina ordentlich schnell. Danach muß ich wieder arbeiten, es ist windig und bis Bormio nun deutlich flacher. Am Fuße des Stelvio verstaue ich erneut Knielinge und Weste und beginne den Aufstieg in der niedrigen Abendsonne. Weit sollte ich nicht kommen, ein Auto hält neben mir, aus dem Fenster schaut Jan und empfiehlt mir, mal einen Blick auf die Uhr zu werfen. Verdammt, schon so spät? Ich will erst trotzdem weiterfahren, aber das Risiko im Hotel das Abendessen zu verpassen, läßt sich nicht leugnen. Schließlich gebe ich den Mayo und steige etwas oberhalb von Bormio ins Begleitfahrzeug.
In Solda bin ich schon wieder besser gelaunt...verdammt, Mortirolo und Gavia!
Bildfolge:
1 - Pantani-Denkmal am Mortirolo
2 - Paßhöhe Mortirolo
3 - Monno
4 - am Gavia