Als bekennender Liebhaber der klassischen Eintagesrennen hatte ich mir vorgenommen, nach dem Amstel Gold Race auch mal die Strecke der Flandern-Rundfahrt zu befahren. Nachdem es 2008 und 2009 aus gesundheitlichen Gründen nicht geklappt hatte, sollte es dieses Jahr nun so weit sein. Voller Übermut meldete ich mich Anfang Januar für die 150 km Strecke an, in der Hoffnung auf einen milden Winter und viele Trainingskilometer. Daraus wurde ja dann nichts....
Ein wenig aufgeregt war ich dann schon, als ich mich Karfreitag auf den Weg nach Flandern machte - bei strahlendem Sonnenschein. Die Wetterprognosen verhießen aber für den Samstag nichts Gutes - 95% Regenwahrscheinlichkeit und starker Wind. Nun ja, perfekte Bedingungen für einen Klassiker. im Hotel wurde die Vorfreude dann noch weiter gesteigert, denn 13 der 14 Zimmer waren mit Radfahrern belegt, der Konferenzraum wurde daher kurzerhand zur Fahrradwerkstatt umfunktioniert. Es folgten die üblichen Gespräche, welche Strecke fährst du, ist die Muur wirklich so steil usw. Die Engländer hatten sich vorgenommen, die lange Strecke zu fahren - Respekt!
Über Nacht setzte dann auch der Regen ein, hörte dann aber auf und es kam sogar die Sonne raus. So ging es dann um 8.00 Uhr auf die Strecke. Damit auch gleich richtiges Klassikerfeeling aufkommt, fing dann aber nach ca. 10 km der Regen an, natürlich frischte der Wind auf. Zum Warmwerden gab es dann auch gleich zwei schöne lange Plasterabschnitte. In Oudenarde war die erste Verpflegungsstelle. Dort ist man praktisch durch eine riesige Lagerhalle durch und wurde mit Essen und Isostar versorgt. Problematisch war, dass es dort schön warm war, man aber dann mit den nassen Klamotten wieder in die Kälte rausmusste

Danach folgte ein etwa 10 km langer Radweg - schnurgerade, schmal, der Wind immer schön von schräg vorn

Keine Chance, sich im Feld zu verstecken.
Nach ca. 50 km ging es dann aber richtig los, der erste Anstieg stand auf dem Programm:
der Kluisberg. Nichts besonderes, wird nach hinten raus aber immer steiler. Es folgte eine schöne Abfahrt und dann gleich der Knokteberg (schon schwieriger zu fahren) und schließlich der
Oude Kwaremont. Das ist nun wirklich ein Anstieg, der die Ronde zu etwas Besonderem macht. Er zieht sich ewig in die Länge, ist nicht besonders steil (4% im Schnitt), aber das Plaster. Überall saßen sie am Straßenrand und haben ihre Schläuche gewechselt, Trinkflaschen flogen aus den Halterungen... Wenn man denkt, man hat es überstanden, geht es noch mal 1 km so weiter. Herrlich! Damit es nicht langweilig wird, kam gleich danach der
Paterberg. Hier war dann schieben angesagt, erstens war es wirklich steil, zweitens war es nass und drittens waren einfach zu viele Radfahrer da. Einige Verrückte haben es tatsächlich versucht, bis hoch zu fahren, mussten aber dann doch irgendwann aufgeben - die sind einfach umgekippt. Zum Glück hatten sie schon Absperrgitter aufgestellt, denn da konnte man sich dran festhalten beim Hochlaufen. Ist nämlich gar nicht so einfach mit Radschuhen
Der Paterberg war überstanden, gleich danach dann so etwas wie der Höhepunkt - der berühmte
Koppenberg. Man sieht schon sehr lange die VIP-Zelte, man kennt das aus dem Fernsehen. Unten am Fuß des Berges hatten sich schon genügend Zuschauer postiert, die sich das Schauspiel nicht entgehen lassen wollten. Nach einer scharfen Rechtskurve geht es auch gleich zur Sache

Es folgte das gleiche Spiel wie am Paterberg, absteigen und schieben. Immer wieder hörte man die Rufe der Verrückten, die sich durch die schiebenden Radfahrer kämpten. Man müsste mal allein bei gutem Wetter einen Versuch unternehmen, ohne Absteigen hochzufahren. Unter den Bedingungen am Samstag war es nicht möglich.
Der Kurs schlängelte sich dann durch die nähere Umgebung von Oudenarde. Plattenwege wechselten sich mit Plasterpassagen ab. Einmal ging es so mit ca. 2% ein paar Kilometer bergan, wind immer schön von vorn. Dann folgte eine Linkskurve, aber Zeit zum Ausruhen bei Rückenwind gab es nicht, weil wieder eine schöne lange Plasterpassage eingebaut wurde. Am Taaienberg (mit Plaster) musste ich auch wieder absteigen, aber nur weil ich das falsche Hinterrad erwischt hatte. Der Typ vor mir eierte ziemlich herum, so dass ich dann aus dem Pedal musste. Aufsteigen ist aber dann nur noch schwer möglich. Erstaunlich gut fahren ließ sich der
Molenberg. Hier ging es ohne Absteigen. Berendries und Tenbosse waren eher unspektakulär, nicht so richtig steil und mit Asphalt. Gut, anstrengend war es durchaus nach nunmehr 130 km. Schließlich dann Geraardsbergen. Hier sind wir an einer Kreuzugn vor dem Ort gesammelt worden, es wurden für einige Zeit die größeren Kreuzungen entweder für die Radfahrer oder für die Autos freigegeben. Dadurch ist eine Gruppe bestehend aus ca. 500 Radfahrern auf die Muur zugefahren. Man hat uns etwas anders geleitet als die Profis, also nicht über den Marktplatz. Erstaunlicherweise geht es im Ort schon sehr steil zur Sache. Ich habe versucht, das Tempo der Gruppe mitzugehen, bekam aber leichte Krämpfe im Oberschenkel. Die
Muur selbst erwies sich als ziemlich schmal, wieder wahnsinnig viele Zuschauer

Durch den Flaschenhalseffekt kam es unweigerlich zum Stau - also wieder absteigen und schieben. Die Zuschauer halfen aber beim Aufsteigen, so dass ich den letzen Abschnitt fahren konnte. Das war schon ein erhebender Moment

. Das war in meinem Radfahrerleben überhaupt die längste Tour - da war ich schon etwas stolz, es soweit geschafft zu haben. Hier ist eigentlich die Ronde entschieden. Es geht dann nur noch bergab, über dn Bosberg, der aber kein großes Hindernis mehr darstellt. Also nun doch mit Rückenwind nach Ninove ins Ziel. Nachdem es zwischenzeitlich sogar mit Regnen aufgehört hatte, setzte nach der Zieldurchfahrt ein Wolkenbruch ein, der bis in den späten Abend nicht aufhörte. Daher habe ich dann darauf verzichtet, mir die üblichen Werbegeschenke und das Finisher-T-Shirt zu holen. Ich wollte nur noch ins Hotel unter die Dusche. Also wieder zum Auto (das Thermometer zeigte 5 °C an

), ins Hotel und als Belohnung eine riesige Portion Nudeln und ein kühles
Leffe.
Fazit:
Direkt danach dachte ich, wer sich wohl so einen kranken Sch..ß antut, aber heute würde sofort wieder hinfahren. Es war alles perfekt, das Material (kein Defekt), das Wetter, die Strecke - einfach alles! Beim nächsten Mal mit besserer Form
Strecke mit An-/und Abfahrt: ca. 170 km
Schnitt: ca. 22 km/h