Ein herrliches Wochenendwetter ist angekündigt und nach einer Feierabendrunde am Freitag sollte für Samstag nur Alternativprogramm anstehen. Also ging es mit der Holden zum Klettern in die Hohburger Berge zwischen Wurzen und Eilenburg. Da wir für unsere jüngste Sport(wieder)entdeckung noch nicht über das geeignete Material verfügen, versuche ich, mit Joggingschuhen im Vorstieg Halt auf den Porphyrkanten zu bekommen, wärend sich mein Schatz mit Treckingschuhen die 4er und 5er hochschrubbelt. Es war dennoch ein sehr schöner Tag und sicher werden wir es mit ordentlichen Kletterpatschen wieder angehen ...
Warum erzähle ich diesen Mist überhaupt?
Sonntag früh wirft uns der Wecker um 6 aus den Federn, ich will aufstehen, aber die Oberschenkel sagen nur "aua!".
Das hohe Antreten und nachfolgende Durchdrücken auf einem Bein mit seitlich abgespreiztem Knie war eine ungewohnte, maximalkräftige Belastung, die mir die Beine mit einem saftigen Muskelkater quittierten. Aber gemeldet war ich, Rad ist vorbereitet, die Utensilien verstaut - jetzt kann ich doch nicht kneifen!
Also ab in die Karre und nach Ponickau. Dort traf ich dann die Internet-Bekanntschaft Frank Neumann - kurz Neumi - ein starker Senior der Picardellics und es war erst einmal ein fester Händedruck angesagt. Mit einem weiteren Bekannten (ebenfalls Frank) ging es dann auf die Einrollrunde. Der Muskelkater wurde so langsam in den Hintergrund gekurbelt, aber dafür offerierte die Strecke ihre Tücken: ein Paar scharfe Kurven mit schlechtem Belag, zwei kurze, dafür aber um so gröbere Kopfsteinpflaster-Passagen und zwei Wellen, die erste Scharf und kurz, dann am Ende einer kurzen Abfahrt eine Angstkurve und dann eine etwas längere, wenn auch weniger steile Rampe. Klar würden hier die entscheidenden Attacken zu erwarten sein.
Zurück in Ponickau äusserte ich gegenüber Neumi meine Bedenken ob der Angskurve, aber er beruhigte mich, dass in Ponickau bislang nur ein einziges Mal ein Spurtscharmützel zu einem Sturz geführt hätte. Zudem erwähnte er, dass 2009 die entscheidende Attacke schon in der 2. Runde geschah. Also nahm ich mir vor, in den ersten Runden möglichst jede etwas ernsthafter aussehende Attacke mitzugehen.
Los ging es dann - bis zur ersten Ortsausfahrt neutralisiert. Danach ging das Tempo schön hoch und es kamen - wie erwartet - schon früh Attacken. Pro 6,6-km-Runde waren in etwa 3-4 Attacken zu verzeichnen - keine davon sprengte aber das recht große Tempofeld. Nach der 10. Attacke, die ich mitging, habe ich irgendwann zu zählen aufgehört ... wie dem auch sei, ich hatte meine Nase deutlich zu viel im Wind und das wurde von keiner erfolgreichen Gruppenteilung belohnt. Bis zur 7. Runde ging und ging und ging ich jeder dappigen Attacke hinterher, die Akkus waren schon weit unter 50% und die Säure der beiden Anstiege verflüchtigte sich überhaupt nicht mehr aus den Beinen. Runde 7 und 8 versteckte ich mich etwas, da ohnehin vorn nichts ging. Auch die FOlgerunden bis zur Wertungsrunde 10 brachten nichts neues, wobei ich mich ab Runde 9 wieder etwas weiter nach vorn orientierte. Ich vermutete, dass möglicherweise am 2. Wertungssprint am Ende der 10. Runde ein Grüppchen gehen könnte und sah zu, dass ich in der Wertung auf Tempo blieb. Tunnelblick war ohnehin schon mein Standardgesichtsfeld und so konnte ich nur im Nebel bemerken, dass ich mit meinen 54-56 Sachen zu stehen schien, während eine ganze Dutzendschaft rechts und links vorbeistiefelte.
Aber auch hier trennte sich nichts. Ich war im Grunde schon seit 4 Runden alle und wusste gar nicht mehr, wie ich das Ganze denn überhaupt noch überstehen soll. Die innere Stimme riet mir zumindest brav, dass ich mal wieder einen Schluck der Süß-salzigen Lake aus meiner Flasche nehmen sollte. War es in der 11. Runde oder in der 12., ich weiss es nicht mehr: ich lag in der Führung und links schoss ein Menschenbündel aus Picardellics, Bikekult und einigen weiteren entschlossen wirkenden Fahrern vorüber und stiefelte auch nochmal los, was das Zeug hielt. Resultat: Lücke nach vorn und Lücke nach hinten. Also schaltete ich auf Koma-Intensität und schuftete mich an die Ausreisser heran. Nun aber warteten eigentlich noch die zwei Rampen. An der ersten hielt ich noch mit und auch die Angstkurve ging mit Adrenalin oder im halben Bewusstseinsverlust an mir vorüber. Selbst die erste Hälfte der längeren Rampe konnte ich mit fliegender Lunge noch mithalten, aber die Anderen hatten bis dahin offensichtlich nur gespielt und starteten nun erneut scharf durch. Meinereiner nur: aus-basta-byebye.
Die Leutchens, die mich nun schnupften, waren ein übler Mix aus Nachführ-willigen und Team-dienlichen Tempodrosslern. Entsprechend laut wurde so mancher, aber es hilft nun mal nichts: Teams sind hier einfach im Vorteil. Erst als in Runde 13 der Vorsprung der 4-6 Führenden (Genaues weiss ich wegen Komadunst leider nicht) mit 50 s durchgegeben wurden, liessen die destruktiven Elemente von ihrer Taktik ab. Die wenigen Antritte, die jetzt noch kamen, sahen gelegentlich ebenso wuchtig aus, wie die nach 500 m folgende Explosion des Fahrers. Insgesamt war nach vorn nichts mehr möglich und man bastelte an der geeigneten "Nachzüglerstrategie". Durch die Führung ging ohnehin keiner mehr und so trullerte das nachfahrende Feld mit 36-44 Sachen dahin. Erst die Runde 14 brachte wieder Schwung hinein, denn Neumi trat an. Da ich gerade in der Führung lag, belohnte ich die neu gewonnene Bekanntschaft als "Leihpicardellics". Mit leichtem Tritt verwaltete ich das Feld, während Neumi Meter um Meter gewann und seine Position zwischen Führungsgruppe und Hauptfeld später auch ins Ziel durchbrachte; absolut starke Aktion von dem erfahrenen Hasen!
Irgendwann kam man dann auf die letzte Runde, die Flasche war leergesogen und an der Bankette abgelegt. Welche Taktik sollte ich gehen - habe ich überhaupt noch eine Option? Eigentlich nicht. Mit dem Mut der Verzweiflung nutze ich eine leichte Gefällestrecke, um Schwung aufzubauen und stampfe mit 50 + x an allen vorbei, so dass eine Lücke gerissen ist, aber der Blick zurück zeigt nur eine Perlschnur ohne weitere Lücken, die sich als Gummispagghetti wieder an mich ansaugt. Die folgenden Rampen wiederholen das alte Leid, wenn auch in einer neuen Dimension: Rampe 1 geht noch anaerob, die Angstkurve zeigt, dass sie auch drei nebeneinander fahrende Balancekünstler schadlos toleriert und dann aber ging die Post nochmal ab. Beim Versuch, an der längeren Rampe selbst an Tempo zu gewinnen, muss mein Kettenblatt plötzlich Quadratform angenommen haben, denn ein flüssiger Tritt ist nicht mehr möglich. In unmöglicher Verrenkung und nahezu kompletter Geist-Körper-Dissoziation versuche ich, meinen Unterbau zu überreden, die Pedale in der richtigen und nicht in der umgekehrten Reihenfolge zu belasten. Alle schiessen natürlich an mir vorbei. An der Hügelkuppe gelingt es mir gerade noch, das letzte Hinterrad zu erwischen und die Gruppenkompression in der Spurtvorbereitung spült mich immerhin wieder bis ins vordere Mittelfeld. In der Anfahrt zum Zielstrich aber kommt aus meinen Beinen keinerlei Vortrieb mehr, erneut werde ich fast komplett durchgereicht.
Nach 99 km und mit 40,74er Schnitt rolle ich auf dem 26. Platz mausetot über die Ziellinie. Alles gegeben, nichts erreicht - ausser mir mal wieder eine Lektion abzuholen.
Lobend hervorheben sollte man aber auf jeden Fall noch die Qualität der Veranstaltung: sichere Absperrung, Führungsfahrzeug, enorm hohe Fahrdisziplin aller Teilnehmer, professionelle Transpondertechnik mit sofortiger Ergebnisbekanntgabe ... und lecker Kaffee und Kuchen! Einen dicken Dank also an die veranstaltenden Picardellics!